Die Ethik der Smart City – Grundlagen zum Thema Digitale Souveränität

Lesedauer ca. 10 Minuten

 

Deutschland ist jetzt endlich durchgestartet mit der Entwicklung von Smart Cities. Der Fördermittelgeber, das Bundesinnenministerium, verlangt, dass die geförderte Entwicklung von Software-Lösungen als Open-Source bzw. freie Software im Sinne von „Public Money – Public Code“.zur Verfügung gestellt wird. Das ist sehr vernünftig, aber nur einer von vielen Schritten, die zur digitalen Souveränität einer Stadt oder einer Region führen werden. Zum besseren Verständnis der Digitalen Souveränität müssen wir uns erst einmal mit dem Begriff Souveränität befassen, der etwas mit Optionen, Handlungs- und Entscheidungsfreiheit, auch mit Entscheidungsmacht zu tun. Damit wird deutlich, dass Souveränität wenig mit Technik, aber viel mit Ethik und Politik zu tun hat. Ethik wiederum beschäftigt sich mit Werten und Wertesystemen, an denen Menschen ihr Handeln ausrichten. Menschen neigen zu Widersprüchlichkeit, auch die Ziele der Smart City sind durchaus widersprüchlich. Widersprüchlichkeit äußert sich in Form von Ambivalenzen, Paradoxa und Dilemmata. Ich werde ausführen, warum diese Widersprüchlichkeit keine bedauerliche Schwäche menschlichen Verhaltens ist, sondern konstitutiv für unser Menschsein ist und konstitutiv für das „Design“ einer Smart City sein muss, die ihr Versprechen, sich am Menschen, nicht der Technologie auszurichten, erst nimmt.

Die Ziele einer Smart City sind widersprüchlich

Bevor wir darauf eingehen, was digitale Souveränität in der Smart City bedeutet, müssen wir uns auf ein gewisses Grundverständnis des Begriffs Souveränität einigen. Da stellt sich die Frage, ob er für den rein technischen Unterbau der Smart City, der aus Daten, Software, im öffentlichen Raum auch aus Lösungen und Kommunikationsnetzen besteht, bereits eine Rolle spielt. Kommt Souveränität nicht erst auf der Ebene politischer Entscheidungen ins Spiel?

Schauen wir uns jedoch die Herausforderungen der Smart City etwas genauer an, dann stoßen wir auf Dilemmas, die sich rein logisch nicht auflösen lassen:

  • Die Smart City ist eine Datenmaschine, wir erwarten „Big Data“, datengestützte Verwaltungsentscheidungen und neue Geschäftsmodelle, gleichzeitig dürfen wir entsprechend dem Gebot zur Datensparsamkeit nur das notwendige Minimum an Daten erzeugen.
  • Die Smart City soll die Sicherheit der Menschen vor Kriminalität und Vandalismus mit Hilfe von digitalen Lösungen verbessern, die nur funktionieren, wenn sie menschenbezogene Daten erfassen. Wie verhält es sich mit der informationellen Selbstbestimmung, wenn anonymisierte Daten mit Hilfe von Künstlicher Intelligenz wieder Rückschlüsse auf einzelne Personen zulassen?
  • Die Smart City soll ihre Stadtgesellschaft bei der Digitalen Transformation intensiv beteiligen, gleichzeitig ist sie aus Kostengründen darauf angewiesen, digitale Lösungen aus anderen Städten zu übernehmen oder sich an deren Entwicklung zu beteiligen.
  • Die Smart City soll ressourceneffizient, vor allem energiesparsam sein, gleichzeitig verschlingt die Digitalisierung selbst immer mehr Energie.
  • Die Smart City soll die Lebensqualität der Menschen erhöhen und zieht dadurch immer mehr Menschen an, was zu weiterer Überbelastung der Infrastrukturen und des Lebensraums führt. Gleichzeitig entvölkern sich ländliche Regionen und müssen um ihr Überleben kämpfen.

Wo sich Widersprüche nicht rein logisch auflösen lassen, kann auch ein Algorithmus nicht weiterhelfen. Bereits an diesem Punkt zeichnet sich ab, dass Digitale Souveränität keine rein technische Angelegenheit sein kann.

Der Mensch selbst ist widersprüchlich

Der Mensch neigt dazu, Ambivalenzen und Widersprüche auszublenden. Eine Person besitzt jedoch mehrere Identitäten mit unterschiedlichen, sich durchaus widersprechenden Wertekanons, man spricht auch von unterschiedlichen sozialen Rollen. Der Vorstandsvorsitzende eines Konzerns, der die Rolle als Chef auch daheim im Umgang mit seinen Kindern praktiziert, wird vermutlich als Vater scheitern. Für die Qualitätsmanagerin gelten in ihrem Job andere Werte als in der Kirchengemeinde, in der sie sich engagiert. Wir alle erleben – und müssen es oft schmerzhaft lernen -, dass Werte in der einen Rolle richtig, in einer anderen falsch sind. Wir akzeptieren, dass in einer Situation widersprüchliche Werte einen gleichberechtigten, bzw. einen konkurrierenden Anspruch auf Erstrangigkeit haben können, abhängig vom Standpunkt der Person und ihrer Rolle, die sie in einer bestimmten Situation verkörpert.

Personen, denen diese Rollenwechsel allzu leicht zu gelingen scheinen, nennen wir Opportunisten, solchen, die ihre Rolle nie wechseln können, sprechen wir eine Berufsmissbildung oder gar eine psychische Störung zu. Solche Personen aber, die ihre Rollen in angemessener Weise changieren und dabei für ihr soziales Umfeld glaubwürdig bleiben, nennen wir souverän.

Wertepluralität – die Voraussetzung für Souveränität

Ein schönes und einfaches Beispiel für Wertepluralität, bzw. konkurrierende Werte, liefert der indisch-nordamerikanische Wirtschaftswissenschaftler, Philosoph und Nobelpreisträger Amartya Sen: Noah hat eine Flöte geschnitzt, Klara kann darauf meisterlich spielen, Ben aber lebt in totaler Armut und der Besitz dieser Flöte würde ihn überglücklich machen. Wer von ihnen hat in einer gerechten Welt den moralisch größten Anspruch auf diese Flöte?

Boy with flute, Image by dalmoarraes from Pixabay

Boy playing flute by dalmoarraes, Pixabay License

Zur Erörterung dieser oder ähnlicher Fragen wurden ganze Bibliotheken vollgeschrieben im Bestreben, das System der Gerechtigkeit so zu definieren, dass sich aus einer möglichst einfachen Grundannahme, wie der Mensch beschaffen ist oder zu sein hat, eine logische und verbindliche Antwort ableiten lässt. Im Alltag aber halten wir es eher mit den Anwälten und sagen: „Es kommt darauf an….“. Und dabei gehen wir Alltagsmenschen davon aus, dass jeder Mensch entscheiden kann, was nach einer gewissen Überlegung oder Abwägung, möglicherweise im Gespräch mit anderen, eine ausreichend faire Lösung des Dilemmas für genau dieses Problem mit diesen drei Kindern sein könnte. Vielleicht kann Noah noch mehr Flöten schnitzen und Klara kann Ben das Flötenspielen beibringen, oder Klara hat schon ein Dutzend Flöten? Es hängt eben von der individuellen Situation ab, das Dilemma muss situationsgerecht mit einer, vielleicht nicht absolut fairen, aber ausreichend fairen Entscheidung gelöst werden. Das „es kommt darauf an“ kann im Alltag mit „das ist so erst einmal mehr oder weniger akzeptabel“ gelöst werden. Ein Kompromiss wäre für dieses Dilemma dann eine souveräne Entscheidung, wenn sie von den drei Kindern als einigermaßen fair empfunden würde.

Es ist wahrscheinlich, dass unterschiedliche Kulturen zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen können. Dennoch können sich Angehörige unterschiedlicher Kulturen problemlos darüber austauschen, was in dieser Situation „fair“ oder „nicht fair“ wäre. Fairness scheint ein universaler Wert zu sein. (zum Thema „Universale Werte“ möchte ich gerne auf das Buch von Markus Gabriel verweisen: Moralischer Fortschritt in dunklen Zeiten, Universale Werte für das 21. Jahrhundert, 2020)

Auch Objektivität ist relativ

Thermometer-Stefan_SlembrouckNun ja, mag man einwenden: da geht es um Menschen und Werte. Aber auf der technischen Ebene reden wir erst einmal von Daten, von objektiven Rohdaten! – Wie objektiv, im Sinne von eindeutig feststellbar, sind Rohdaten? Nehmen wir einmal das Beispiel eines einfachen Datums: der Messwert eines Thermometers. Um über die Außentemperatur Bescheid zu wissen, hängen wir entweder ein analoges Thermometer ans Fenster oder legen einen Sensor in den Garten oder wir haben beides. Und schnell stellen wir fest – und das ist uns im Alltag sehr vertraut – dass wir die Temperaturdaten interpretieren müssen, denn wir lesen vermutlich von beiden Geräten unterschiedliche Daten ab. Dann stellen wir uns möglicherweise die Frage, ob das Thermometer in der Sonne oder im Schatten hängt.

Natürlich wissen wir auch, dass wir auf das alte Holzthermometer mal so und mal anders draufschauen müssen, um den Rand des Ethanols im Glasröhrchen genau erkennen zu können, weil uns die Sonne sonst blendet. Wir schauen uns danach vielleicht an, was die Wetter-App für eine Temperatur angibt. Wie oft erleben wir es im Alltag, dass wir uns verständigen, oder sogar darüber streiten, ob es draußen nun 2°C oder 8°C sind?

Genauso ambivalent verhält es sich mit allen Daten: sie werden von technischen Geräten, Sensoren, produziert, die mal genauer, mal weniger genau sind. Vor allem stehen oder hängen die Sensoren mal an besseren, mal an schlechteren Standorten. Und wer bestimmt, was besser und was schlechter ist? Im Falle der Feinstaubmessgeräte in den Innenstädten war es erst die Politik, welche die Objektivität der Messdaten hinsichtlich ihrer Verbindlichkeit für die Stadtgesellschaft diskutierte, danach entschieden die Gerichte, was als objektiv zu gelten habe. Sind aber Daten, über deren Relevanz erst ein Gericht ein Urteil fällen muss, überhaupt noch objektiv? Ganz einfach, es sind die objektivsten Daten, die uns zur Verfügung stehen, oder es sind Daten, die als Grundlage für eine Entscheidung ausreichend objektiv sind. Es wird deutlich, dass auch Objektivität nichts Absolutes ist, ohne deshalb subjektiv, d.h. von einer Einzelmeinung abhängig, zu werden.

Amartya Sen hat (u.a. in seinem großen Werk „Die Idee der Gerechtigkeit“) mit beeindruckender Leichtigkeit herausgearbeitet, dass es eine positionelle Objektivität gibt. Er beschreibt den Fall, in dem ein Mensch bei der Beobachtung einer totalen Sonnenfinsternis zu der objektiven Feststellungen kommt, dass der Mond und die Sonne gleich groß sind, denn sie sind deckungsgleich. Und ganz objektiv sehen wir jeden Tag die Sonne auf- und wieder untergehen. Und diese Feststellung kann von jedem anderen Menschen genau so gemacht werden, sie ist keineswegs eine subjektive Meinung. Erst von einer anderen Position aus – mit viel theoretischem Wissen unterfüttert – kommen wir zu der Einsicht, dass das, was wir objektiv feststellen, darum noch keine Tatsache ist.

Wenn Ausgangsdaten „positionell objektive Daten“ sind, die von Fall zu Fall durch Daten aus anderen Positionen ergänzt werden müssen, um den Wert einer Tatsache und damit Relevanz zu erlangen, dann wird damit zweierlei deutlich:

  • Welche Daten relevant, welche Datensätze ausreichen, um objektiv gültig zu sein, ist das Ergebnis von Verständigung oder eines Verständigungssystems, wie es auch die Wissenschaft ist;
  • Erst recht muss die Weiterverarbeitung von Daten auf übergeordneten, vielleicht sogar mehreren Verständnisebenen (z.B. Wirtschaft, Zivilgesellschaft, Politik, Recht) abgestimmt werden;
  • Objektivität im Sinne einer Tatsache ist mithin immer das Ergebnis eines vernünftigen Verständigungsprozesses, der untersucht, wie Daten zustande gekommen sind, ob ausreichende Daten vorliegen, ob die Datenerzeugung und -erfassung replizierbar ist und ob die Daten im Rahmen einer Theorie überhaupt Sinn ergeben. (Nicht umsonst steckt das Wort Tat in Tatsache!)

Was „ausreichend“ bedeutet, wird nun davon abhängen, welchen Werten die Akteure in diesem Verständigungsprozess den Vorrang geben und die können durchaus miteinander konkurrieren, wie wir oben gesehen haben. Der Prozess zur Bekämpfung der Pandemie als Engführung von Virologie und Politik hat dies sehr eindrücklich vor Augen geführt.

Werte und Tatsachen erheben den Anspruch auf Objektivität

Mit Hilfe von Werten beurteilen wir Handlungen danach, ob sie richtig oder falsch sind, Tatsachen erheben den Anspruch auf Wahrheit. Aber beide sind das Ergebnis von Verständigung, von Kommunikation, von sozialem Handeln, durchaus über Jahrhunderte hinweg, wie die Geschichte von Ethik und Wissenschaften zeigt. Das macht Tatsachen nicht zu subjektiven Meinungen. Das gilt aber genauso für Werte. Auch Grundwerte können in diesem Sinne die Objektivität von Tatsachen beanspruchen. Aber sie unterscheiden sich in einem: es gibt konkurrierende Werte auch nach Abzug aller kulturspezifischen Bedingungen, aber keine konkurrierenden Tatsachen (bzw. „alternative facts“). Werte lassen sich auch nicht auf Tatsachen zurückführen.

Daraus lässt sich für die Ethik der Smart City folgende Schlussfolgerung ziehen:

  • Die Widersprüchlichkeit des Menschen ist der Smart City nicht äußerlich. Jede Definition einer Smart City, welche den Menschen als „Herausforderung“ betrachtet, geht zumindest implizit davon aus, dass es ein technisches Gebilde namens Smart City gibt, in dem der Mensch zurzeit noch als Störfaktor auftritt, das aber durch weitere Perfektionierung (z.B. durch den Einsatz von KI) quasi entstört werden kann.
  • Daten, Algorithmen, Data Science und Datengebilde wie Plattformen sind geprägt von Werten und damit auch von konkurrierenden Werten. Es gibt keine „unbiased“, keine wertfreien Daten.

Sowenig die Smart City ein Zustand ist, sowenig ist es die digitale Souveränität. So wie eine souveräne Person sich flexibel an Situationen anpassen und unterschiedliche Rollen und soziale Identitäten annehmen kann, so muss eine digital souveräne Stadt neue Rollen und Identitäten ausbilden. Das geschieht in einem kontinuierlichen Verständigungsprozess, der getragen wird von der fundamentalen Auseinandersetzung darüber, wie wir heute und in Zukunft leben wollen (oder überleben können?). Diese Auseinandersetzung ist eine gesellschaftliche, wir nennen sie Politik. Wir können somit auch für die Smart City das Primat der Politik festhalten.

„Das Richtige tun“ gelingt besser in demokratisch organisierten Gesellschaften

Demokratische Gesellschaften gehen davon aus, dass es eine Pluralität konkurrierender Werte gibt, woraus Interessenskonflikte entstehen. Entwickelte demokratische Gesellschaften haben gelernt, diese Interessenskonflikte mit Hilfe vernünftiger und institutionalisierter Verständigungsprozesse, wozu durchaus auch Gerichte gehören, auf erträgliche Weise auszugleichen. Auch wenn es vielen Menschen schwerfällt, so lernen wir doch zwangsläufig, dass es die eine Schiedsinstanz (Gott, der König, der Staat, die Verschwörungsinstanz) nicht gibt, die alle Konflikte kraft Autorität schlichten kann (siehe hierzu auch Armin Nassehi: Muster, Theorie der digitalen Gesellschaft, 2019). Die Komplexität moderner Gesellschaften, die auf die Komplexität klimatischer Veränderungen trifft, kann nur mit Hilfe solcher vernünftiger Verständigungsprozesse bewältigt werden. Entscheidungen können sich immer als falsch herausstellen, weil sie wegen der Komplexität des Ganzen unerwartete Folgen nach sich ziehen. Sie müssen flexibel revidiert werden können, ohne dass es zu Machtkämpfen in der Gesellschaft kommt. Autokratisch geführte Staaten, die keine maximale Meinungs- und Erfahrungsvielfalt zulassen, werden öfter falsche Entscheidungen treffen und sich schwerer damit tun, Fehler zu revidieren. „Das Richtige tun“ wird öfters in demokratischen als in autoritären Gesellschaften gelingen. Eine erfolgreiche Bekämpfung des Klimawandels wird eher in einer demokratischen als in einer autokratischen oder technokratischen Gesellschaft gelingen.

Daraus ableitend kann man auch annehmen, dass Smart Cities, die auf der grünen Wiese (oder im Sand) entstehen, weniger stabil, weniger resilient sind, als Smart Cities, die den digitalen Transformationsprozess einer historisch gewachsenen und demokratisch organisierten Kommune gestalten.

Ethische Grundregeln der Smart City

  • Aufgrund dieser Überlegungen führe ich folgende Orientierungsregeln für eine ethische Smart City mit „digitaler Souveränität“ ein:
  • Der Mensch ist kein egozentrischer homo oeconomicus. Menschen sind öfter kooperativ und in der Lage, Verantwortung zu übernehmen, sogar unter Einschränkung ihrer individuellen Interessen.
    Menschen wissen intuitiv, was moralisch geboten, was erlaubt und was verwerflich ist. Das Böse, das Gute und das Neutrale sind universelle Grundwerte, so unumstößlich gültig wie Tatsachen.
  • Es gibt eine Pluralität konkurrierender Werte. Menschen verhalten sich widersprüchlich, weil sie in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Rollen mit unterschiedlichen Wertekanons einnehmen. Widersprüchlichkeit ist ein konstituierender Faktor der menschlichen Gesellschaft, kein Makel.
  • Es gibt weder ein absolut Objektives, noch ein absolut Subjektives. Die menschliche Wahrnehmung ist immer wertegeleitet, das gilt auch für die Wissenschaften. Auch Daten sind nichts absolut Objektives.
  • „Das Richtige tun“ ist erfolgversprechender, wenn die Frage, was das Richtige ist, Ergebnis eines vernünftigen Verständigungsprozesses in einer demokratischen Gesellschaft ist.
  • Eine freiheitlich-demokratische Gesellschaft als die Organisation institutionalisierter Verständigungsprozesse zur bestmöglichen Klärung widersprüchlicher Herausforderungen ist die beste politische Voraussetzung, um Klimakatastrophen zu verhindern.

Politische Prozesse machen aus Daten relevante Daten und aus relevanten Daten Informationen

Die Daten der Smart City werden also erst dann relevant, wenn sie mit Hilfe von transparenten und kompetenten, mehr oder minder formalisierten, Verständigungsprozessen zu Informationen verarbeitet und zu Fakten verdichtet worden sind. Deshalb ist die Smart City eine durch und durch politische Angelegenheit, denn Politik ist der ethisch-moralische Verständigungsprozess darüber, wie wir leben und wie wir uns organisieren wollen. Daraus folgt, dass die Vorstellung einer Smart City, die in eine technische und eine politische Ebene getrennt wird, falsch. Es gibt mitnichten eine objektive, technische Ebene, auf der Daten gesammelt und verarbeitet werden, um sie an einem definierbaren Punkt an eine politische Ebene zu übergeben. Datenkompetenz hat deshalb immer etwas mit Kompetenz in Verständigungsprozessen zu tun und digitale Souveränität hängt aus diesem Grund auch unlösbar mit politischer Souveränität zusammen.

Deshalb kann die Diskussion um digitale Souveränität keineswegs nur auf technischer Ebene, bzw. auf technischen Ebenen geführt werden. Unsere Vorstellungen von Werten, von Freiheit, Fairness und Demokratie spielen in dem Moment eine Rolle, in dem wir einen Sensor zur Datenerfassung aufhängen (das hat gerade die Feinstaubdebatte sehr eindrücklich vor Augen geführt). Dabei verhält es sich mit digitaler Souveränität wie mit der Gerechtigkeit: es wird den Zustand der digital souveränen Welt nie geben, so wie es nie eine Welt der vollkommenen Gerechtigkeit geben wird. Digitale Souveränität kann im Kontext neuer Entwicklungen, Anforderungen und Herausforderungen immer nur neu definiert und weiter gestärkt werden.

Dimensionen der digitalen Souveränität und ihre gesellschaftlichen Verschränkungen

Wir können unterschiedliche Handlungsebenen, Aufgabenkomplexe und Herausforderungen zur Stärkung der digitalen Souveränität definieren, jede davon ist eine technisch-ethisch-politisch-wirtschaftliche Verschränkung. Eine Organisation, ein Gemeinwesen oder eine Institution verstärken ihre digitale Souveränität dann, wenn sie die vielfältige Verschränkung der Digitalisierung auf allen für sie relevanten Ebenen verstehen und die Verständigungsprozesse kompetent steuern können, die erforderlich sind, um Leben in Städten und Regionen lebenswerter und nachhaltiger machen.

Nachfolgend werden zentrale Handlungsebenen zur Stärkung der digitalen Souveränität aufgelistet, und selbstverständlich ist eine jede davon eine separate Studie wert:

  • die Datensicherheit (im Sinne von Safety und Security)
  • das Eigentum an Daten, Datenhoheit und Datenverfügbarkeit
  • das Management von Abhängigkeiten von digitalen Lösungen und deren Anbieter
  • der Datenbetrieb im vielschichtigen Internet-der-Dinge (von den Sensoren und Aktoren im Außenbereich über die Kommunikationsinfrastruktur, über die Datenplattform als Middleware zu Domänen und Applikationen)
  • der Einsatz von künstlicher Intelligenz in der Verarbeitung der Daten, die personenbezogen sind oder durch KI personenbezogen werden können
  • Kooperationsmanagement zur Effizienzverbesserung und zur Verstärkung von Verhandlungsmacht
  • der Einsatz von freier und quelloffener Software
  • das Stakeholder Management und die Beteiligung der Zivilgesellschaft

Unternehmen sind organisierte Verschränkung

Die Annahme, dass Technik, Wirtschaft, Politik, Recht und Zivilgesellschaft auf allen Handlungsebenen verschränkt sind, führt zu der Erwartung, dass sich digitale Souveränität aus dem kompetenten Management aller dieser Verschränkungen ergibt. Diese Erwartung ist nur scheinbar übertrieben. Tatsächlich ist ein Unternehmen nichts anderes als eine solchermaßen organisierte Verschränkung, wobei Stadtwerke als freie Unternehmen mit kommunalen Eigentümern diese Verschränkung als Spannungsfeld zwischen Gemeinwohl- und Profitorientierung sehr viel bewusster und transparenter managen müssen als andere Firmen.

Digitale Souveränität muss aus diesem Grund wie ein Unternehmen organisiert und gemanagt werden. Sie ist ein kontinuierlicher Prozess und kein Zustand, der irgendwann einmal erreicht werden kann. Souverän ist, wer sich in jeder neuen Situation neue Handlungsoptionen für genau diese, aber auch künftige denkbare Situationen erschließen kann. Souverän ist, wer die Freiheit beanspruchen kann, sich in Abwägung aller Abhängigkeiten für die eine oder eine andere Option zu entscheiden und diese zu einem späteren Zeitpunkt wieder korrigieren oder revidieren zu können.Smart Data House, Stefan Slembrouck

Das Unternehmen, welches sich diese digitalen Handlungsspielräume in der Smart City auf kompetente Weise immer zu erarbeiten versteht, nennen wir das Smart Data House.

Das Smart Data House wird somit zur einer zentralen Aufgabe der Smart City Entwicklung. Hier entscheidet sich, ob die Stadt im Zeitalter der Digitalisierung nicht nur digitale Souveränität (immer wieder neu) stärkt, sondern ob die Stadt – oder auch die Region – im Zeitalter der Digitalisierung überhaupt souverän bleiben kann.

Dem Smart Data House will ich mich gerne in einem nächsten Blog widmen.

Alle Blog-Beiträge unter AKTUELLES sowie Foren-Beiträge und Kommentare geben die persönliche Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder und nicht zwangsläufig die des Bundesverband Smart City e.V. und/oder dessen Vorstands und/oder aller seiner Mitglieder.

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Über Stefan Slembrouck

Ich bin 2012 mit Alliander und Amsterdam in die Smart City eingestiegen. Es ging um smarte Energienetze, Ladeinfrastruktur für Elektromobilität, intelligente Straßenbeleuchtung und eine sichere Telekommunikationsinfrastruktur für eine gelingende Energiewende. Immer stärker rückte dabei die Frage in den Fokus, wie eine sichere und herstellerunabhängige Dateninfrastruktur für die neue, smarte Welt gewährleistet werden kann. Immer stand jedoch der Mensch und sein Wohlbefinden im Zentrum der Überlegungen und die Smart City als gesellschaftliche Herausforderung. Dabei wurde mir schnell klar, dass dabei in Deutschland dem Stadtwerk als gemeinwohlorientiertem Unternehmen eine herausragende Rolle zukommt. Für mich besteht die Jahrhundertaufgabe darin, Technik und Daten der Smart City im europäischen Wertesystem zu verankern und damit die Grundlagen für den gemeinsamen weltweiten Kampf gegen die Klimaerwärmung zu schaffen. -> Homepage

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