Stillstand der Systeme: Warum Klimaschutzmaßnahmen so langsam vorankommen – und wie man das ändern kann
Lesedauer ca. 7 MinutenDieser Beitrag ist der zweite einer vierteiligen Serie.
Wir wissen mehr über den Klimawandel als je zuvor, doch Emissionen und Alltagsroutinen ändern sich nur langsam. Dieser Blog untersucht, wie Systeme funktionieren – wie Gewohnheiten, Pfadabhängigkeit und institutionelle Trägheit Widerstand erzeugen und wie kognitive Dissonanz und Gruppendenken selbst gutwillige Menschen bremsen. Die Widerstandsfähigkeit von Systemen, die für das Vertrauen in den Staat unerlässlich ist, kann auch dazu führen, dass schnelle Veränderungen als riskant empfunden werden und Gegenreaktionen auslösen. Der Blog argumentiert, dass Klimaschutzmaßnahmen greifbare Vorteile für den Alltag bieten müssen, und zeigt, wie regionale Wege zur Eindämmung und Anpassung – unterstützt durch die Wissensdatenbank, das Modellierungsframework und das Entscheidungsunterstützungssystem von KNOWING – Regionen dabei helfen können, vom Bewusstsein zu evidenzbasierten Maßnahmen überzugehen.

Quelle: KNOWING
Wir leben in einer seltsamen Zeit. Die Beweise dafür, dass der Klimawandel real und vom Menschen verursacht ist, sind überwältigend. Der wissenschaftliche Konsens liegt mittlerweile bei weit über 99,9 %: Praktisch jede von Fachkollegen begutachtete Studie kommt zu dem Schluss, dass menschliche Aktivitäten die Hauptursache für die aktuelle globale Erwärmung sind. Und doch steigen die Emissionen weiter, es werden weiterhin Infrastrukturen für fossile Brennstoffe gebaut, und jede COP endet mit einer Mischung aus Fortschritt und Frustration. Was ist also los? Wenn wir so viel wissen, warum ändern wir dann so wenig? Um diese Frage zu beantworten, müssen wir über Systeme sprechen: wie sie funktionieren, warum sie sich gegen Veränderungen wehren und wo die Hebelpunkte liegen, mit denen sie in eine neue Richtung gelenkt werden können.
Systeme: mehr als die Summe ihrer Teile
Ein System ist nicht nur eine Ansammlung von Dingen. Es ist die Art und Weise, wie diese Dinge miteinander verbunden sind. Eine Stadt besteht nicht nur aus Straßen, Häusern und Bussen, sondern auch aus Bebauungsvorschriften, Steuerpolitik, Gewohnheiten und Vorstellungen davon, was ein gutes Leben ist. Ein Energiesystem besteht nicht nur aus Kraftwerken und Kabeln, sondern auch aus Subventionen, Märkten, Vorschriften, Karrieren und politischen Allianzen.
Im Alltag zeigen sich diese Verbindungen in Form von Gewohnheiten: repetitive Verhaltensweisen in Mobilität, Konsum, Planung und Kommunikation, die uns einfach deshalb natürlich erscheinen, weil wir sie schon so lange praktizieren. Gewohnheiten sind wie die Mikrosoftware eines Systems – sie reduzieren den mentalen Aufwand des Alltags und schaffen ein Gefühl der Stabilität. Der Nachteil ist, dass sie uns dazu bringen, denselben Code weiter auszuführen, auch wenn sich die Umstände ändern.
Systeme haben einige wesentliche Merkmale:
- Rückkopplungsschleifen
positive Rückkopplung („Erfolg zieht Erfolg nach sich“) – wie eine autoabhängige Planung, die zu mehr Straßen führt, was wiederum zu mehr Autos führt, wodurch öffentliche Verkehrsmittel an Attraktivität verlieren.
Negative Rückkopplung („das System wehrt sich“) – wie der Widerstand der Öffentlichkeit, wenn die Spritpreise zu schnell steigen. - Pfadabhängigkeit
Wenn man einmal Milliarden in Autobahnen, Gasnetze oder Kohlebergwerke investiert hat, ist es schwer, die Richtung zu ändern. Man ist durch versunkene Kosten, Verträge, Fähigkeiten – und die damit verbundenen Gewohnheiten – an einen Weg gebunden. - Trägheit und Verzögerung
Der IPCC hat die „Allgegenwärtigkeit der Trägheit“ in den miteinander interagierenden klimatischen, ökologischen und sozioökonomischen Systemen hervorgehoben: Selbst wenn wir uns für eine Veränderung entscheiden, reagieren die physische Infrastruktur, Institutionen und Verhaltensweisen oft nur langsam.
Diese Merkmale erklären, warum Klimaschutz nicht nur eine Frage von mehr politischem Willen oder besseren Fakten ist. Wir versuchen, ein Containerschiff zu wenden, kein Kajak.
Warum Klimasysteme sich gegen Veränderungen wehren: Wirtschaft und Ethik sind miteinander verflochten
Klimasysteme widersetzen sich Veränderungen, weil Wirtschaft und Ethik eng miteinander verflochten sind. Moderne Volkswirtschaften sind durch ihre Infrastruktur, ihre Geschäftsmodelle und ihre fiskalischen Abhängigkeiten strukturell an fossile Brennstoffe gebunden, was zu mächtigen Interessen der etablierten Akteure, Beschäftigungsproblemen und dem Risiko von fehlinvestierten Vermögenswerten führt, die einen raschen Übergang politisch und wirtschaftlich erschweren. Gleichzeitig trifft die Klimapolitik auf Gesellschaften, die bereits von Ungleichheit und historischer Ungerechtigkeit geprägt sind und in denen die Fragen, wer zahlt und wer profitiert, entscheidend sind. Haushalte mit niedrigem Einkommen sind anfälliger für steigende Energiekosten, wohlhabendere Gruppen erhalten oft mehr Subventionen und Chancen, und Länder, die am wenigsten für Emissionen verantwortlich sind, leiden am meisten unter den Auswirkungen des Klimawandels. Wenn Klimaschutzmaßnahmen als unfair oder als Bedrohung für den Lebensunterhalt empfunden werden, ist Widerstand verständlich – selbst unter denen, die die Wissenschaft akzeptieren. Letztendlich ist Klimapolitik nicht nur eine technische, sondern vor allem eine soziale und ethische Herausforderung, und ihr Erfolg hängt davon ab, ob sie so gestaltet werden kann, dass sie sowohl wirksam ist als auch als gerecht empfunden wird.
Von Paris auf die Straße: COPs und die lokale Realität
Auf globaler Ebene haben der Prozess der Klimarahmenkonvention der Vereinten Nationen (UNFCCC) und die Klimakonferenzen (COPs) wichtige Fortschritte erzielt. Im Pariser Abkommen haben sich fast alle Nationen verpflichtet, die Erwärmung auf „deutlich unter 2 °C“ zu begrenzen und 1,5 °C anzustreben, mit regelmäßig aktualisierten national festgelegten Beiträgen. Die jüngsten COPs haben auch die entscheidende Rolle von Städten und Regionen hervorgehoben, unter anderem durch spezielle lokale Klimakonferenzen. Dennoch bleibt ein bekanntes Muster bestehen: Auf hochrangige Zusagen bei den COPs folgt die mühsame Arbeit, nationale Gesetze, sektorale Pläne, regionale Haushalte und kommunale Flächennutzungspläne mit diesen Verpflichtungen in Einklang zu bringen. Die Brücke von Paris zur Praxis führt über Bauvorschriften, Verkehrsplanung, Entscheidungen zur Landnutzung, Fernwärme und öffentliches Beschaffungswesen. Hier findet die kommunale Praxis statt – und hier ist die Trägheit am stärksten. Lokale Verwaltungen sind oft unterbesetzt, durch komplexe Vorschriften eingeschränkt und stehen zwischen nationalen Vorgaben, lokaler Politik und den alltäglichen Anliegen der Bürger. Städte werden zunehmend als Motoren der Umsetzung anerkannt, die oft schneller vorankommen als nationale Regierungen, aber sie bleiben eingebettet in umfassendere Finanz-, Rechts- und Kultursysteme, die ihre Bemühungen entweder fördern oder behindern können.
Hebelpunkte: Wo kleine Veränderungen einen großen Unterschied machen
Wenn Systeme so träge sind, wie können wir sie dann verändern? Die Systemdenkerin Donella Meadows beschrieb in ihrer berühmten Arbeit (Meadows 1999) „Leverage Points“ (Hebelpunkte) – Stellen, an denen eine kleine Veränderung große Veränderungen im Verhalten eines Systems bewirken kann. Spätere Arbeiten (Abson et al. 2017) haben diese in vier große Kategorien eingeteilt:
Parameter: Bei Klimaschutzmaßnahmen konzentrieren wir uns oft auf Parameter wie Kohlenstoffpreise, Subventionen und Effizienzvorschriften. Diese sind zwar wichtig, führen aber in der Regel nur zu schrittweisen Veränderungen.
Rückkopplungen: Größere Hebelwirkung entsteht durch die Verlagerung von Rückkopplungen – indem Klimafolgen und Co-Benefits lokal sichtbar gemacht, langfristige Leistungen belohnt und externalisierte Kosten bestraft werden.
Design: Es erfordert auch eine Neugestaltung der Institutionen, damit Planung, Verkehr und Wohnungswesen zusammenwirken und sichergestellt ist, dass Kommunen über die Befugnisse und Ressourcen verfügen, um handeln zu können.
Mentale Modelle: Die größte Hebelwirkung entsteht, wenn sich mentale Modelle und Ziele verschieben, beispielsweise von „Maximierung des kurzfristigen BIP“ zu „Maximierung des Wohlbefindens innerhalb der planetarischen Grenzen“ (Raworth, 2017), von „billiger Energie“ zu „sicherer, fairer und sauberer Energie“ und von individueller Schuldzuweisung zu gemeinsamer Verantwortung. Wenn sich Werte und Ziele ändern, beginnen sich andere Teile des Systems auf natürliche Weise neu auszurichten.
Warum die Dinge immer noch langsam vorangehen – selbst wenn wir die Hebelpunkte sehen
Selbst mit fundierten Theorien sieht sich der Wandel in der realen Welt mehreren Hindernissen gegenüber. Widersprüchliche Zeithorizonte bleiben ein zentrales Hindernis: Politiker denken in Wahlzyklen und Unternehmen in Quartalsergebnissen, während sich die Auswirkungen des Klimawandels über Jahrzehnte hinweg entfalten, was zu einer chronischen Unterinvestition in langfristige Resilienz führt. Die Zuständigkeiten sind auf Ministerien und Abteilungen verteilt, und auf kommunaler Ebene wiederholt sich diese Fragmentierung oft. Entscheidungsträger werden mit Szenarien und Berichten überflutet, und ohne Instrumente, die Entscheidungen erleichtern, wird Verzögerung zur einfachsten Option.
Menschliche Bewältigungsstrategien sorgen für zusätzliche Reibung. Angesichts eines gewaltigen Problems schwanken die Menschen zwischen Verleugnung, Verharmlosung, Untergangsstimmung und Engagement. Kognitive Dissonanz (Festinger 1957; Kahneman 2011) entsteht, wenn Klimawerte mit kohlenstoffintensivem Verhalten kollidieren, was eher zu einer Anpassung der Narrative als zu einer Verhaltensänderung führt. Gruppendenken (Janis 1982) verstärkt dies, indem es Informationen so filtert, dass sie zur Gruppenidentität passen. Diese Reaktionen haben nichts mit Intelligenz zu tun, sondern mit Identität und emotionalem Selbstschutz (Kahneman 2011, Stoknes 2015).
Resilienz und Vertrauen bilden eine weitere Barriere. Die Menschen verlassen sich darauf, dass die Kernsysteme – Energie, Gesundheitswesen, soziale Sicherheit, öffentliche Ordnung – vorhersehbar bleiben. Rasche Veränderungen, insbesondere wenn sie schlecht kommuniziert oder als ungerecht empfunden werden, können Ängste, Gegenreaktionen und Polarisierung auslösen (Streeck 2014).
Eine hilfreiche historische Perspektive bietet Uwe Schneidewinds Konzept der Großen Transformation. Schneidewind erinnert uns daran, dass grundlegende gesellschaftliche Veränderungen niemals reibungslose oder technokratische Prozesse waren. Transformationen wie die Abschaffung der Sklaverei, die Durchsetzung von Arbeitnehmerrechten oder die feministische Bewegung vollzogen sich über Jahrzehnte, oft sogar Jahrhunderte, und waren von Widerstand, Gegenreaktionen und Phasen scheinbarer Stagnation geprägt. Rückblickend mögen diese Veränderungen unvermeidlich erscheinen, aber zu ihrer Zeit waren sie umstritten und verliefen alles andere als linear. Aus dieser Perspektive betrachtet ist der heutige Klimawandel weder außergewöhnlich langsam noch irrational, sondern folgt einem historischen Muster des Strukturwandels, in dem neue Normen, Institutionen und Machtverhältnisse nach und nach die alten ersetzen. Schneidewinds Arbeit hilft dabei, die Trägheit des Systems nicht als Versagen, sondern als charakteristische Phase eines tiefgreifenden Wandels zu verstehen.
Wie KNOWING dazu beitragen kann, den Wandel zu beschleunigen
Hier kommen Projekte wie KNOWING ins Spiel: nicht als weiterer Bericht, sondern als Versuch, mit den Systemen zu arbeiten, anstatt gegen sie. Mithilfe wissenschaftlicher Daten, Modellierungen und partizipativer Prozesse hilft KNOWING Regionen dabei, ihre eigenen Hebelpunkte und Wege für Veränderungen zu verstehen.
Komplexität beherrschbar machen:
Eine gemeinsame Wissensdatenbank konsolidiert Klimadaten, sozioökonomische Indikatoren und Erkenntnisse über Auswirkungen und Lösungen. Ein modulares Modellierungsframework ermöglicht es Regionen, Zukunftsszenarien zu erkunden – von der Verringerung von Hochwasserrisiken und der Minderung städtischer Wärmeinseln bis hin zum Management von Landnutzungskonflikten im Zusammenhang mit Windenergie in Wäldern und der Ermittlung des Bedarfs an erneuerbaren Energien, einer Netzinfrastruktur und Speicherkapazitäten für eine klimaneutrale Energieversorgung. Dadurch werden abstrakte Debatten konkret und vergleichbar. Wege zur Minderung und Anpassung bieten regionsspezifische Transformationspfade und unterstützen das Bewusstsein, den Kapazitätsaufbau, die Sensitivitätsanalyse und evidenzbasierte Entscheidungen. Ein Entscheidungsunterstützungssystem (DSS) übersetzt diese Erkenntnisse dann in Szenarien und Abwägungspfade für Entscheidungen in der Praxis.
Arbeiten mit der menschlichen Psychologie:
Eine psychosoziale Typologie zum Umgang mit dem Klimawandel verdeutlicht, wie verschiedene Gruppen auf Klimainformationen reagieren, und ermöglicht so eine spezifische Kommunikation. Empowerment-Tools und spielerische Formate machen Systemwissen durch Visualisierungen, Übungen und Playful Trainings zugänglich. Mit der App „Shape Your Future” können Bürger Zukunftsszenarien erkunden und verstehen, wie kollektive Entscheidungen die Ergebnisse beeinflussen.
COP-Ziele mit lokaler Praxis verbinden:
Lokale Hubs bringen Kommunen, Behörden, Unternehmen, Zivilgesellschaft und Forscher zusammen, um gemeinsam Strategien zu entwickeln, die sowohl technisch machbar als auch sozial akzeptabel sind und als Übersetzungsräume zwischen globalen Klimazielen und lokaler Umsetzung dienen.
Referenzen
Abson, David J. et al. (2017): „Leverage points for sustainability transformation.” Ambio, 46(1), 30–39. https://doi.org/10.1007/s13280-016-0800-y
Bourdieu, Pierre (2009): Praktische Vernunft: Zur Theorie des Handelns. Edition Suhrkamp
Festinger, Leon (1957): A Theory of Cognitive Dissonance. Stanford University Press.
Janis, Irving L. (1982): Groupthink: Psychological Studies of Policy Decisions and Fiascoes (2nd ed.). Houghton Mifflin.
Kahneman, Daniel (2014): Schnelles Denken, langsames Denken. Pantheon
Meadows, Donella H. (2008): Thinking in Systems: A Primer. Chelsea Green Publishing.
Raworth, Kate (2017): Doughnut Economics. Chelsea Green Publishing
Schneidewind, U. (2018): Die Große Transformation: Eine Einführung in die Kunst gesellschaftlichen Wandels. Fischer Taschenbuch
Stoknes, P.E. (2015): What We Think About When We Try Not to Think About Global Warming: Toward a New Psychology of Climate Action. Chelsea Green Publishing.
Streeck, Wolfgang (2013): Gekaufte Zeit: Die vertagte Krise des demokratischen Kapitalismus. Suhrkamp
Der Autor Stefan Slembrouck ist stellvertretender Vorstandsvorsitzender des BVSC, Doktorand an der TU Berlin, wo er sich mit der Ethik der Smart City befasst, und leitet das Arbeitspaket zu Kommunikation, Verbreitung und Nutzung im KNOWING-Projekt.
Alle Blog-Beiträge unter AKTUELLES sowie Foren-Beiträge und Kommentare geben die persönliche Meinung des/der jeweiligen Autors/Autor:in wieder und nicht zwangsläufig die des Bundesverband Smart City e.V. und/oder dessen Vorstands und/oder aller seiner Mitglieder.
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