Civic Science: Wenn Bürger:innen ihre Städte eigenmächtig smarter machen
Lesedauer ca. 3 Minuten
Das datenschutzkonforme und die Persönlichkeitsrechte wahrende Sammeln, Aufbereiten, Analysieren, Interpretieren, Nutzen und Kommunizieren von Daten ist ein wesentlicher Bestandteil einer wirklich nachhaltigen, d.h. mensch- und umweltzentrierten Smart City. Dafür braucht es jedoch u.a. ein möglichst flächendeckendes und engmaschiges Netz von Sensoren: Einerseits, um ein detailliertes Gesamtbild der Stadt zu zeichnen und Veränderungen, Verschiebungen sowie Trends sichtbar zu machen, andererseits, um im unmittelbaren Umfeld der Bewohner:innen präzise Auswertungen durchzuführen und Zusammenhänge zu erkennen.
Ein solches feingranuliertes Netz aus Sensoren kann ganz konkret zur Verbesserung der Lebensbedingungen beitragen – etwa wenn Echtzeitdaten es vulnerablen Gruppen, Schwangeren, Eltern mit Kindern, älteren oder kranken Menschen ermöglichen, auf ihrem Weg durch die Stadt Routen zu wählen, die sie gezielt vor Luftverschmutzung, Lärm und Hitze schützen.
Ein weiteres Beispiel ist die Erforschung der Ursachen und Zusammenhänge, die zu Verkehrsinfarkten führen – etwa durch sogenannte ‚Elterntaxis‘ in Schulquartieren – sowie das Sichtbarmachen der Auswirkungen auf andere Verkehrsteilnehmer, Anwohner:innen und lokale Gewerbetreibende, sodass gezielt Maßnahmen zur Entlastung ergriffen werden können.

Photo by Märt Kose licensed under CC BY 4.0
Darüber hinaus ermöglicht das Überwachen der Bodenfeuchtigkeit von Bäumen, Pflanzen und Hochbeeten – sowohl in öffentlichen Grünflächen als auch in nachbarschaftlich betriebenen Gemeinschaftsgärten –, gezieltes Gießen, um das Absterben der Pflanzen zu verhindern und gleichzeitig das städtische Grün sowie den lokalen Gemüseanbau zu fördern. Nicht zuletzt können sogenannte ‚Angsträume‘ untersucht und ihre Dynamiken verstanden werden, sodass bedarfsgerecht Gegenmaßnahmen in Form einer Art ‚Systemakupunktur‘ geplant und umgesetzt werden können – mit dem Ziel, diese Areale zurückzuerobern und wieder zu Begegnungsstätten mit Aufenthaltsqualität für alle Einwohner:innen zu machen.

Ursachen belastender Bürokratie © 2024 by Geschäftsstelle des Netzwerks Bessere Rechtsetzung und Bürokratieabbau is licensed under CC BY-NC 4.0
Mittels eines dichten Netzes aus Sensoren kann eine valide Datenlage geschaffen werden, die es Entscheidungsträger:innen ermöglicht, vorausschauend, faktenbasiert und im Sinne der Stadtgesellschaft zu handeln. Doch was bleibt den Bürger:innen als Souverän, wenn ihre Kommunalverwaltung eine solche Dateninfrastruktur mangels personeller und finanzieller Ressourcen, aufgrund von Silo- oder Abteilungsdenken oder aus Angst vor Fehlern und Risiken sowie Kontrollzwang nicht realisieren kann oder nicht will?
Unsere Antwort lautet Civic Science. Darunter verstehen wir Forschung der organisierten Zivilgesellschaft, in der engagierte Menschen vor Ort selbst zu Wissenschaffenden werden. Sie sammeln nicht nur Daten, sondern werten diese nach wissenschaftlichen Standards aus, formulieren Hypothesen und entwickeln sogar Theorien. Auf diese Weise werden Menschen zu Expert:innen ihrer eigenen Umwelten: Sie erkennen Zusammenhänge, leiten geeignete Vorgehensweisen ab und können ihre Lebensrealitäten selbstbestimmt verändern – gemeinsam mit Politik, Verwaltung und institutioneller Wissenschaft, aber auch unabhängig.
Der entscheidende Punkt dabei: Die Zivilgesellschaft muss nicht warten, bis andere handeln. Die Bevölkerung selbst hat es in der Hand, Alltagsprobleme mit Hilfe von Technologie zu überwinden.
Dieses selbstermächtigende Handeln der Zivilgesellschaft hat zwei Aspekte: Civic Tech und Citizen Science. Civic Tech steht für digitale Werkzeuge und technische Infrastrukturen, welche sie eigenständig aufbauen und betreiben kann – von Sensoren und Messstationen über offene Plattformen bis hin zu Apps, mit denen Daten gesammelt, geteilt und zugänglich gemacht werden. Citizen Science wiederum beschreibt die wissenschaftliche Nutzung dieser Daten. Bürger:innen wenden wissenschaftliche Methoden an, werten die Ergebnisse aus, ziehen Schlussfolgerungen und leiten daraus Handlungsoptionen ab. So verbinden sie technisches Know-how mit wissenschaftlicher Praxis – und schaffen damit die Grundlage, um ihre Nachbarschaften, Quartiere und Städte zu verstehen und aus eigener Kraft lebenswerter zu machen.
Als Kombination von beidem leistet Civic Science durch die smarte Beteiligung einen wichtigen Beitrag dazu, Städte resilienter zu machen – nicht nur durch neue Erkenntnisse, sondern auch durch die Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts. Teilhabe, Transparenz und dialogische Offenheit schaffen Vertrauen zwischen Wissenschaft und Gesellschaft: Forschungsprozesse werden nachvollziehbar, Fehler offen kommuniziert und das ‚Wie‘ wissenschaftlicher Erkenntnis ebenso sichtbar wie deren Inhalte. Gerade in Zeiten wachsender Wissenschaftsskepsis ist diese neue Offenheit von unschätzbarer Bedeutung, weil sie Glaubwürdigkeit schafft und soziale Kohäsion fördert.
Wie das konkret aussehen kann, zeigen die Projekte des Bundesverband Smart City (BVSC): In Initiativen wie CLAIRYFI oder dem SchulQuartierCheck werden Bürger:innen angeleitet, sich zu organisieren, gemeinschaftlich technische Systeme aufzubauen und mit deren Hilfe ihre eigene Lebensumwelt zu erforschen und zu verbessern, indem sie die gewonnenen Erkenntnisse für konkrete Aktionen nutzen. So wird Civic Science vom abstrakten Konzept zur praktischen Bewegung, die Menschen befähigt, ihre Nachbarschaften aktiv zu gestalten.
Darüber hinaus unterstützen die Expert:innen des BVSC im Rahmen des Projekts UPschooling u.a. Bildungseinrichtungen dabei, Civic Science in den Unterricht und die Freizeitgestaltung zu integrieren, damit Kinder frühzeitig die Grundlagen wissenschaftlichen Arbeitens kennenlernen und erfahren, wie sie diese mit der Anwendung smarter Technologien verbinden können. Die Erfahrung, selbst messen, erkennen und verstehen zu können – statt bloß zu glauben oder blind zu vertrauen – eine zwingende Voraussetzung für das Funktionieren liberaler Demokratien und damit unverzichtbares Rüstzeug im 21. Jahrhundert.
Im Nächsten Blog-Beitrag zum Thema Civic Science erfahren Sie, wie Bürger:innen in einer „citizen-driven Smart City“ gesundheitsgefährdender Luftverschmutzung begegnen kann.
Dieser Text ist erstmalig erschienen am 21. September 2025 in der Sonderveröffentlichung „Zukunft Deutschland“ in der Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung.
Alle Blog-Beiträge unter AKTUELLES sowie Foren-Beiträge und Kommentare geben die persönliche Meinung des/der jeweiligen Autors/Autor:in wieder und nicht zwangsläufig die des Bundesverband Smart City e.V. und/oder dessen Vorstands und/oder aller seiner Mitglieder.
Wenn Sie möchten, abonnieren Sie unsere Newsletter und folgen Sie uns in den Sozialen Medien: Mastodon LinkedIn Facebook Twitter YouTube Instagram
