Die citizen-driven Smart City: Wie Bürger:innen mit Civic Science gesundheitsgefährdender Luftverschmutzung begegnen

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Photo by NU REGGAE MAN on Pexels.com - City Street at Dawn with Pedestrian Crossing

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Die Europäische Umweltagentur (EEA) bezeichnet Luftverschmutzung als das größte umweltbedingte Gesundheitsrisiko in Europa. Für das Jahr 2023 schätzt sie für die EU-Mitgliedsstaaten 182.000 vorzeitige Todesfälle durch Feinstaub PM2,5, 34.000 vorzeitige Todesfälle durch Stickstoffdioxid (NO₂) und 63.000 vorzeitige Todesfälle durch Ozon (O₃). Diese Zahlen beschreiben, wie viele Todesfälle nach EEA-Berechnungen bei Einhaltung der WHO-Empfehlungen vermeidbar gewesen wären.

Für Deutschland weist die EEA für das Jahr 2023 rund 21.640 vorzeitige Todesfälle durch Feinstaub PM2,5 aus, 5.552 vorzeitige Todesfälle durch Stickstoffdioxid und 13.062 vorzeitige Todesfälle durch Ozon.

Solche Zahlen bleiben zwangsläufig nur eine statistische Annäherung an vielfaches menschliches Leid. Hinter jeder der genannten Zahlen stehen reale menschliche Schicksale und jedes verlorene Menschenleben ist eines zu viel.
Gerade deshalb müssen solche Zahlen mit Sorgfalt eingeordnet werden.
Vergleiche mit anderen Risiken können dabei allenfalls eine vorsichtige Orientierung bieten. Sie dürfen weder Leid relativieren noch Todesursachen gegeneinander ausspielen, können aber helfen, die gesellschaftliche Größenordnung des Problems sichtbar zu machen. Denn viele Risiken, die als Bedrohung für Leben und Gesundheit sehr in den Medien präsent und stark im öffentlichen Bewusstsein verankert sind, verursachen tatsächlich deutlich weniger Todesfälle als Luftverschmutzung.
Eine detaillierte Betrachtung ermöglichen u.a. die Berichte des Statistischen Bundesamts, wie z.B. der Statistische Bericht – Todesursachen in Deutschland – 2023.

Zu den wichtigsten Luftschadstoffen im Zusammenhang mit Gesundheitsschäden gehören:

Feinstaub PM10 bezeichnet Feinstaubpartikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von bis zu 10 Mikrometern. Diese Partikel können durch die Nasenhöhle tief in die Bronchien eindringen.

Feinstaub PM2,5 bezeichnet Feinstaubpartikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von bis zu 2,5 Mikrometern. Diese Partikel können bis in die kleineren Verzweigungen der Bronchien in den unteren Atemwegen und bis in die Lungenbläschen vordringen.

Feinstaub PM1 bezeichnet Feinstaubpartikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von bis zu 1 Mikrometer. Diese Partikel können tief in die Lunge eindringen sowie in die tieferen Atemwege gelangen und sich dort ablagern.

Ultrafeinstaub PM0,1 bezeichnet Feinstaubpartikel mit einem aerodynamischen Durchmesser von bis zu 0,1 Mikrometern bzw. 100 Nanometern. Diese Partikel können bis in das Lungengewebe und den Blutkreislauf vordringen. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass ultrafeine Partikel über die Riechschleimhaut und entlang des Riechnervs in das zentrale Nervensystem gelangen und dabei auch das Gehirn erreichen können.

Stickstoffdioxid (NO₂) ist ein Reizgas, das Schleimhäute des Atemtraktes schädigt und die Augen reizt.

Bodennahes Ozon (O₃) ist ein sekundärer Luftschadstoff, der vor allem bis in die unteren Atemwege vordringt, wo er im Lungengewebe bzw. in den Atemwegen reagiert.

Kohlenmonoxid (CO) ist ein starkes Atemgift, das nach der Einatmung schnell ins Blut über geht und sich dort an das Hämoglobin bindet, das für den Sauerstofftransport im Körper zuständig ist.

Schwefeldioxid (SO₂) ist ein Reizgas, das die Augen und Atemwege reizt.

Benzo[a]pyren (BaP) ist ein polyzyklischer aromatischer Kohlenwasserstoff, der in der Luft partikelgebunden vorkommt, staubgebunden eingeatmet oder mit der Nahrung aufgenommen werden kann und sich im Körper unter anderem im Fettgewebe anreichert.

Luftschadstoffe werden überwiegend über die Atemwege aufgenommen, schädigen aber nicht nur Atemwege und Lunge, sondern Zellen und Gewebe im gesamten Körper, auch Herz, Gefäße sowie andere Organe und sogar das Gehirn. Im Körper können sie Entzündungen, oxidativen Stress, Störungen des Immunsystems, mutagene Prozesse und eine verminderte Sauerstoffversorgung der Zellen auslösen. Luftverschmutzung kann die Schleimhäute von Augen und Atemtrakt reizen oder schädigen, Atembeschwerden verursachen, die Lungenfunktion vermindern und bestehende Erkrankungen verschlimmern. Besonders eng mit Luftverschmutzung verknüpft sind Asthma, Bronchitis, chronisch obstruktive Lungenerkrankung (COPD), Lungenentzündungen, erhöhtes Allergierisiko, Schlaganfälle, ischämische Herzkrankheiten und Herzinfarkte, Arteriosklerose, verstärkte Plaquebildung in den Blutgefäßen, erhöhte Thromboseneigung, Bluthochdruck, Diabetes sowie Krebs, insbesondere Lungenkrebs. Darüber hinaus gibt es Hinweise auf Störungen der Regulation des vegetativen Nervensystems, etwa eine verminderte Herzfrequenzvariabilität, sowie auf neurologische und kognitive Beeinträchtigungen bis hin zu Demenz. Ebenso beschrieben werden verminderte Nierenfunktion und Reproduktionsprobleme.

Besonders schwer wiegen die gesundheitlichen Folgen der Luftverschmutzung für vulnerable Gruppen, inbesondere Kinder, Schwangere, ältere Menschen und jene mit einem geschwächten Immunsystem, Asthmatiker:innen, sowie andere empfindliche und vorgeschädigte Personen, z.B. mit Atemwegs- oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen.
Schwangere gelten als besonders verletzlich, weil Luftschadstoffe nicht nur auf den Organismus der Mutter wirken, sondern nach WHO-Angaben über den Blutkreislauf auch die Plazenta erreichen und damit den Fötus beeinflussen können. Offizielle WHO- und EEA-Quellen verweisen auf Zusammenhänge mit niedrigem Geburtsgewicht, vermindertem fetalem Wachstum bzw. „small for gestational age“, einem erhöhten Risiko für Frühgeburten sowie langfristigen Gesundheitsfolgen im weiteren Lebensverlauf des Kindes wie z.B. entwicklungsbezogene Beeinträchtigungen, einen niedrigeren IQ, Hyperaktivität, Wachstumsverzögerungen, Hörprobleme und Anämie; zudem gibt es Hinweise, dass bereits das Immunsystem des Neugeborenen beeinträchtigt sein kann.

Woher kommen die Schadstoffe?

Luftschadstoffe im öffentlichen Raum entstehen meist nicht isoliert, sondern gehen häufig auf dieselben Emissionsquellen und Entstehungsprozesse zurück. Grundsätzlich ist zwischen primären Luftschadstoffen zu unterscheiden, die direkt freigesetzt werden, und sekundären Luftschadstoffen, die sich erst in der Atmosphäre aus Vorläuferstoffen durch chemische Reaktionen bilden. Zu den wichtigsten Verursachern zählen vor allem der Straßenverkehr mit seinen Abgasen sowie mit Reifen- und Bremsabrieb, Heizungen und Energieerzeugung, Industrie und Gewerbe, Landwirtschaft, Baustellen sowie aufgewirbelter Staub. Viele dieser Quellen setzen gleichzeitig mehrere gasförmige und partikuläre Schadstoffe frei oder liefern die Ausgangsstoffe, aus denen sich weitere Luftschadstoffe erst unter bestimmten Wetter- und Umweltbedingungen bilden. Luftverschmutzung ist daher in der Regel das Ergebnis eines komplexen Zusammenspiels verschiedener Emissionen, technischer Prozesse und atmosphärischer Umwandlungen.

In Hafenstädten kommt als weitere bedeutende Quelle die Schifffahrt hinzu. Insbesondere während der Liegezeit können Schiffe ohne Landstrom erhebliche Emissionen verursachen, weil ihre Bordaggregate bzw. Hilfsdiesel weiterlaufen müssen, um die Energieversorgung an Bord sicherzustellen. Auch der Flugverkehr trägt insbesondere im Umfeld von Flughäfen zur Luftverschmutzung bei.
Die Größenordnung der Emissionen von Kreuzfahrtschiffen veranschaulicht der NABU für Stickoxide und Feinstaub mit Pkw-Vergleichen von rund 421.000 bis rund 1,05 Millionen Pkw pro Schiff und Tag; beim Schwefeldioxid fällt der Vergleich noch deutlich höher aus.

Gerade im urbanen Raum zeigt sich damit, dass Luftverschmutzung nicht auf den Straßenverkehr reduziert werden kann. Zugleich bleibt der fossil motorisierte Straßenverkehr einer der zentralen Treiber hoher Schadstoffbelastungen.

Grenzwerte: rechtlich gültig heißt nicht gesundheitlich unbedenklich

Für PM10, PM2,5, Stickstoffdioxid, Ozon, Kohlenmonoxid, Schwefeldioxid und Benzo[a]pyren bestehen in der EU und in Deutschland Luftqualitätsstandards; sie sind je nach Stoff als Grenzwert, Zielwert, langfristiges Ziel, Informationsschwelle oder Alarmschwelle ausgestaltet. Für PM1 und Ultrafeinstaub (PM0,1) gibt es derzeit dagegen keine eigenständigen Immissionsgrenzwerte.

Für Ultrafeinstaub bewegt sich die Regulierung derzeit in Richtung einer schrittweisen Ausweitung des Monitorings, noch nicht aber in Richtung eines klassischen Grenzwerts. Die neue EU-Luftqualitätsrichtlinie 2024/2881 verpflichtet die Mitgliedstaaten dazu, ultrafeine Partikel zu überwachen, unter anderem an Messstationen des Typs ‚Supersites‘ sowie zusätzlich an Hotspots. Nach Angaben des Umweltbundesamtes (UBA) muss die Richtlinie bis zum 11. Dezember 2026 in nationales Recht überführt werden. Die Richtlinie sieht vor, dass ultrafeine Partikel insbesondere dort gemessen werden, wo hohe Immissionskonzentrationen wahrscheinlich sind, etwa im Einflussbereich von Straßen (Autobahnen und hochfrequentierten beziehungsweise stark befahrenen Straßen), Flughäfen, Häfen, Industriestandorten oder Hausfeuerungen. Im Einzelnen wird sich jedoch erst mit der nationalen Umsetzung zeigen, wie engmaschig das entsprechend ausgerüstete Messnetz ausfällt und nach welchen Kriterien besonders belastete Gebiete künftig ausgewählt und priorisiert werden.

Für die Schadstoffe, für die die WHO quantitative Luftgüteleitlinien festgelegt hat, empfiehlt sie deutlich strengere, gesundheitsorientierte Werte als die derzeit noch geltenden rechtlich verbindlichen Grenzwerte in der EU und in Deutschland. Auch die neuen EU-Werte ab 2030 stellen daher zwar eine Verbesserung dar, bleiben aber in mehreren zentralen Punkten weiterhin oberhalb der WHO-Empfehlungen.

Grenzwerte sind rechtlich verbindliche Höchstwerte, die eingehalten werden müssen. Zielwerte geben ebenfalls einen gesetzlich festgelegten Orientierungsrahmen vor, sind aber anders ausgestaltet als klassische Grenzwerte und sollen nach Möglichkeit erreicht werden. WHO-Empfehlungen sind dagegen keine unmittelbar verbindlichen Rechtsnormen, sondern gesundheitsorientierte Leitwerte auf Grundlage des wissenschaftlichen Kenntnisstands.

Dass ein Grenzwert eingehalten wird, bedeutet also nicht, dass die Luft gesundheitlich unbedenklich ist. Grenzwerte markieren rechtlich verbindliche Schwellen für Regulierung und Vollzug, nicht aber eine medizinische Grenze zwischen „gefährlich“ und „harmlos“. Gesundheitliche Belastungen können auch unterhalb gesetzlicher Grenzwerte auftreten. Dass die WHO deutlich strengere gesundheitsorientierte Empfehlungen formuliert als die derzeit geltenden und selbst die künftig geplanten EU-Werte, macht genau diese Differenz sichtbar.

Warum Mittelwerte für den Gesundheitsschutz nicht ausreichen

Gesetzliche Grenzwerte arbeiten überwiegend mit Jahres-, Tages- oder Stundenmittelwerten. Das ist für Regulierung und die rechtliche Bewertung durch Behörden unverzichtbar. Für die konkrete Situation von Menschen im Stadtraum reicht das jedoch nicht aus. Luftschadstoffbelastungen können sich zeitlich deutlich verändern – etwa im Verlauf weniger Stunden, zwischen Verkehrsspitzen und verkehrsärmeren Zeiten oder im Wechsel von Wetter- und Ausbreitungsbedingungen.

Wissenschaftliche Studien mit hochaufgelösten Messverfahren zeigen, dass Luftschadstoffbelastungen nicht nur von Stunde zu Stunde schwanken, sondern punktuell auch innerhalb von Minuten deutlich ansteigen können – insbesondere bei verkehrsnahen Emissionen und bei ultrafeinen Partikeln. Die WHO weist darauf hin, dass kurzfristige Belastungsspitzen gesundheitlich relevant sein können; Forschungsarbeiten mit 1-Minuten-Messungen belegen, dass gerade ultrafeine Partikel in Straßennähe sehr dynamisch reagieren und innerhalb kurzer Zeiträume stark variieren können. Damit wird deutlich, dass selbst Stundenmittelwerte akute Belastungssituationen nur begrenzt abbilden.

Eine Messstation kann deshalb im Jahres-, Tages- oder Stundenmittel unterhalb eines Grenzwerts liegen, während es zu bestimmten Zeiten dennoch zu kurzfristig erhöhten Immissionsbelastungen kommt. Für Menschen, die sich genau in solchen Zeitfenstern an einem belasteten Ort aufhalten, entsteht dadurch eine reale Gesundheitsgefahr.

Warum die geringe Dichte des behördlichen Messnetzes für den Gesundheitsschutz nicht ausreicht

Die amtliche Überwachung der Luftqualität erfolgt in Deutschland überwiegend über die behördlichen Luftmessstationen der Messnetze der Bundesländer. Diese Stationen werden von den zuständigen Landesbehörden betrieben und dienen der Überwachung der Einhaltung der europäischen Luftqualitätsrichtlinie. Das UBA betreibt daneben einige wenige zusätzliche Hintergrundstationen außerhalb von Ballungsräumen, die vor allem für wissenschaftliche Langzeitbeobachtungen vorgesehen sind.

Deutschland hat derzeit rund 80 Großstädte mit mindestens 100.000 Einwohner:innen. Die Zahl der behördlichen Luftmessstationen im Stadtgebiet dieser Großstädte unterscheidet sich erheblich.
Ein Blick auf einzelne Beispiele zeigt die Spannweite: In der Großstadt Salzgitter existiert nur eine einzige behördliche Luftmessstation im Stadtgebiet. Hamburg verfügt dagegen über ein Luftmessnetz mit 15 Stationen.
Bezogen auf die Fläche wird die geringe räumliche Dichte der Luftmessstationen sichtbar: Hamburg umfasst rund 755 km², Salzgitter rund 224 km². Damit entfällt in Hamburg grob eine Station auf etwa 50 km², in Salzgitter dagegen eine Station auf rund 224 km². Schon daran zeigt sich, wie grobmaschig die amtliche Luftüberwachung in großen Städten sein kann. Andere Großstädte bewegen sich mit der Zahl ihrer behördlichen Luftmessstationen zwischen diesen beiden Enden des Spektrums.

Allerdings bedeutet selbst die höhere Anzahl keineswegs, dass die Luftqualität in einer ganzen Großstadt flächendeckend erfasst wird. Selbst ein Netz mit mehreren Messpunkten kann nur punktuelle Aussagen über einzelne Standorte liefern.
Die tatsächliche Belastung in einzelnen Quartieren, Straßenzügen oder entlang häufig genutzter Wege bleibt damit weitgehend unbekannt, denn die Belastung der Luft kann sich innerhalb weniger Meter stark unterscheiden – etwa zwischen Hauptverkehrsstraße und Parallelstraße.

Als Mittelstädte gelten Städte mit 20.000 bis 100.000 Einwohner:innen. Davon gibt es in Deutschland mehrere hundert. In vielen dieser Städte gibt es im Stadtgebiet nur wenige behördliche Luftmessstationen, teils nur einzelne Messpunkte. Es gibt außerdem größere Mittelstädte, in deren Stadtgebiet überhaupt keine solche Luftmessstation liegt.

Als Kleinstädte gelten Städte mit 5.000 bis 20.000 Einwohner:innen. Von ihnen gibt es in Deutschland mehr als 2.100. In dieser Stadtgrößenklasse sind behördliche Luftmessstationen im Stadtgebiet häufig gar nicht vorhanden. Stattdessen wird die Luftqualität vielerorts nur über einzelne Stationen in größeren Nachbarstädten oder über regionale Hintergrundmessstationen erfasst. Gerade weil in Kleinstädten insgesamt fast 25 Millionen Menschen leben, wird deutlich, dass sehr viele Menschen in Städten leben, in denen die amtliche Luftüberwachung im unmittelbaren Stadtgebiet sehr lückenhaft oder gar nicht vorhanden ist.

Wieviele behördliche Luftmessstationen gibt es in Ihrer Stadt und wo befinden sich diese?
https://www.umweltbundesamt.de/daten/luft/luftdaten

Viele Kommunen stellen ihren Bürgerinnen und Bürgern über öffentliche Online- und Klimaportale offene Umweltdaten in gut zugänglicher und verständlicher Form zur Verfügung. Das ist ausdrücklich zu begrüßen und ein wichtiger Beitrag zu Transparenz, digitaler Teilhabe und moderner kommunaler Daseinsvorsorge. Problematisch wird es jedoch dort, wo Luftqualitätsdaten in einer Darstellungsform erscheinen, die den Eindruck erweckt, die Luftqualität in der gesamten Stadt entspreche dem angezeigten Messwert oder einer pauschalen Bewertung wie „gut“. Tatsächlich beruhen solche Angaben häufig nur auf einer oder wenigen behördlichen Luftmessstationen und lassen deshalb für weite Teile des Stadtgebiets kaum verlässliche Rückschlüsse auf die tatsächliche Luftbelastung zu. Das kann trügerisch sein und im ungünstigsten Fall sogar gesundheitsgefährdend: Bürgerinnen und Bürger – darunter auch die besonders gefährdeten Gruppen – könnten sich zu Unrecht in Sicherheit wähnen und sich im öffentlichen Raum an tatsächlich stark belasteten Orten aufhalten, ohne die reale Gefahr zu ahnen.

Warum wir flächendeckende Sensornetze brauchen

Um die Gesundheit der Bürgerinnen und Bürger wirksam zu schützen, sind feinmaschige, flächendeckende Sensornetzwerke zwingend notwendig, die räumlich hochaufgelöste Luftqualitätsdaten liefern. Diese Daten müssen – unter strikter Einhaltung der DSGVO und Wahrung der Persönlichkeitsrechte – öffentlich zugänglich gemacht werden, damit sie in niedrigschwellige digitale Anwendungen für Bürgerinnen und Bürger integriert und praktisch nutzbar werden können, etwa in Open-Source-Karten und -Navigationssysteme oder Warn- und Informationsdienste. Offene Daten aus einem feingranulierten Luftmessnetz würden es Menschen ermöglichen, akute Schadstoffbelastungen an ihrem aktuellen Standort oder entlang ihrer geplanten Route zu erkennen und sich durch einfache Schutzmaßnahmen – etwa das Tragen einer FFP2-Maske oder das Wählen einer weniger belasteten Ausweichroute – gezielt zu schützen.

Angesichts der gesundheitlichen Dringlichkeit wird sich ein flächendeckendes Sensornetz nicht in der erforderlichen kurzen Zeit allein durch kommunale Verwaltungen aufbauen lassen. Daher braucht es neue Kooperationen zwischen Zivilgesellschaft, Verwaltung und Wissenschaft. Bürgerinnen und Bürger können gemeinsam mit Organisationen wie dem Bundesverband Smart City (BVSC) Sensorprojekte initiieren und umsetzen sowie Messdaten auswerten und öffentlich zugänglich machen. Auf diese Weise entsteht eine räumlich hochaufgelöste Datenbasis, die auch von Kommunen und wissenschaftlichen Einrichtungen in eigene Untersuchungen, Modellierungen und Planungsprozesse einbezogen werden kann.

Civic Science Projekte wie CLAIRYFI und der SchulQuartierCheck des BVSC zeigen, wie Bürgerwissenschaft, digitale Technologien und Stadtentwicklung zusammenwirken können, um Luftqualität transparenter zu machen und die Gesundheit der Bevölkerung besser zu schützen.
Gleichzeitig demonstrieren sie, wie dieselben bürgergetragenen Sensornetzwerke über die Luftqualitätsmessung hinaus auch Temperatur und Lärm erfassen und damit weitere gesundheitsrelevante Umweltbelastungen in Städten sichtbar machen können. Das ist besonders wichtig, weil sowohl Hitzebelastung als auch Umgebungslärm erhebliche Gesundheitsrisiken darstellen, insbesondere vulnerable Gruppen stark belasten und ebenfalls mit vorzeitigen Todesfällen in Verbindung gebracht werden.

Darüber hinaus können jene Sensornetzwerke auch für weitere stadtgesundheitliche Aufgaben genutzt werden, etwa für die bedarfsgerechte Bewässerung von Stadtgrün. Das ist auch deshalb relevant, weil Stadtgrün zwar zur Verbesserung des Mikroklimas und zur Minderung von Luftschadstoffen beitragen kann, selbst aber ebenfalls von Umweltbelastungen betroffen ist: Offizielle Quellen weisen darauf hin, dass Luftverschmutzung Pflanzen schädigen sowie Wachstum, Erträge und Produktqualität beeinträchtigen kann. Damit werden dieselben offenen Sensornetzwerke auch für Fragen der urbanen Begrünung, der Klimaanpassung und des Urban Gardenings relevant.

Gesunde Städte entstehen nicht von selbst – sie brauchen Menschen, die sich einbringen. Deshalb sind alle Bürgerinnen und Bürger aufgerufen, sich für gesündere Städte und somit auch für ihre eigene Gesundheit zu engagieren. Der Einstieg kann ganz niedrigschwellig sein: etwa mit fertig verfügbaren Sensoren für die eigene Wohnung, das Büro oder den Balkon, die sich ins heimische WLAN einbinden und über die Online-Dienste der Hersteller nutzen lassen. Wer sich stärker gemeinschaftlich einbringen möchte, kann sich in offenen Civic-Tech- und Citizen-Science-Communities wie Sensor.Community, The Things Network (TTN) oder openSenseMap engagieren.

Wer mehr Anleitung, Austausch und Wissenstransfer sucht oder gemeinsam mit anderen Bürger und Bürgerinnen in der eigenen Stadt oder Nachbarschaft aktiv werden möchte, kann mit dem BVSC entsprechende Workshops durchführen. Und wer direkt an konkreten BVSC-Projekten mitwirken will, kann sich in CLAIRYFI und SchulQuartierCheck einbringen – mit der Möglichkeit, eigene Sensordaten in unsere offene Dateninfrastruktur einzuspeisen, wissenschaftlich auszuwerten und sie zugleich für die weitere zivilgesellschaftliche, kommunale und wissenschaftliche Nutzung verfügbar zu machen. So wird aus individueller Sorge um die eigene Gesundheit kollektives Handeln für eine gesündere Stadt.

Wer gesunde Städte will, muss nicht warten, bis andere handeln – sondern kann selbst Teil der Lösung werden.

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Über Mirko de Paoli

Mirko de Paoli hat in über 25 Jahren als IT-Dienstleister u.a. Infrastruktur-Projekte für mittelständische Unternehmen begleitet, Enterprise-Webseiten, Software für die Luftfahrtindustrie sowie Softwareprodukte für Krankenhäuser und Kommunikationsunternehmen entwickelt, IoT-Projekte geleitet und als Repräsentant verschiedene Institutionen in der Öffentlichkeit vertreten. Seit vielen Jahren engagiert er sich privat und als Unternehmer ehrenamtlich für diverse gemeinnützige NGOs, wodurch er einen tiefen Einblick in deren Arbeitsweisen und Prozesse hat. Er ist seit 2016 als Mitglied des Bundesverband Smart City e.V. und seit Februar 2020 als dessen Vorstandsvorsitzender bestrebt, den technischen Fortschritt im Sinne einer nachhaltigen und somit zukunftsfähigen Entwicklung mitzugestalten, die maßgeblich die Zivilgesellschaft einbezieht und sich an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen orientiert. (LinkedIn ->)

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