Die Smart City und der Sinn des Lebens

Frau Gerolds Garten in Zürich, entstanden aus einer Zwischennutzung, © Zürich Tourismus / Salvatore Vinci

Frau Gerolds Garten in Zürich, entstanden aus einer Zwischennutzung, © Zürich Tourismus / Salvatore Vinci

Mit etwas Verspätung – im Vergleich zu anderen Industrienationen – hat auch Deutschland das Thema Smart City für sich entdeckt (1) aber derzeit stellt sich die Frage, wie relevant die Kombination von Digitalisierung und Stadtentwicklung z.B. in Anbetracht der bedrohlichen Auswirkungen von Covid 19 noch ist. Und die Fridays-for-Future Generation könnte weiter verschärfend fragen, wie die Smart City mit dem Klimawandel als der größten Herausforderung der Menschheit in diesem Jahrhundert umgehen will.

Bereits heute leben ca. 55% der Weltbevölkerung in urbanen Gebieten; laut den Vereinten Nationen werden es 2050 bis zu 68% sein. (2)

Der Großteil der Wirtschaftstätigkeit und der energiebedingten Emissionen konzentrieren sich laut IPCC in urbanen Zentren und die meisten der Risiken, die aus den Hauptgefahren des Klimawandels resultieren, werden für städtische Gebiete in nächster Zeit zunehmen. (3)

Und weil sie Dreh- und Angelpunkte von transnationalem Handel und Mobilität sind, können dicht besiedelte und hochgradig vernetzte Städte das Risiko von Pandemien noch verstärken. Sie intensivieren die Verbreitung und Übertragung infektiöser Krankheiten durch den erhöhten zwischenmenschlichen Kontakt. (4)

 Capgemini Studie: Street Smart - Putting the citizen at the center of smart city initiatives

Aus einer Studie des Capgemini Research Institute aus dem April 2020 geht hervor, dass sich ein Drittel aller Befragten mehr gemeinschaftliche und kulturelle Aktivitäten und eine stärkere Zugehörigkeit zur Stadt wünscht.

Während Naturkatastrophen und deren Auswirkungen Konflikte schüren und Belastungsproben für den sozialen Frieden sind, stärken Begegnungsräume, welche vielfältige soziale Interaktionen ermöglichen und in denen die Menschen sich sicher und wohl fühlen, den gesellschaftlichen Zusammenhalt und somit die Widerstandsfähigkeit, die “Resilienz” der Gesellschaft.

Die Smart City hat deshalb die Aufgabe, zu ergründen, wie die Fragmentierung durch Partikularinteressen und die Polarisierung in Filterblasen überwunden werden können und somit die Resilienz der Gesellschaft gestärkt werden kann.

Im Stadtentwicklungsprojekt Superkilen von Kopenhagen steht auf der Rückseite einer Sitzbank auf Arabisch geschrieben: “Hast du eine Stadt, in der du dich zuhause fühlst, dann hast du alles, was du brauchst.” (5) Dem ist als Motto eigentlich nichts hinzuzufügen. Es geht jetzt darum zu verstehen, wie eine Stadt gestaltet sein muss, in der die Menschen sich zuhause und zugehörig fühlen können. Die Stadt Kopenhagen hat ihre Urban Life Strategy, ihre Strategie zum guten Leben in der Stadt wie folgt formuliert: “More urban life for all, more people to walk more, and more people to stay longer.” (6) Sinngemäß heißt dieses, “den Menschen mehr Teilhabe am städtischen Leben ermöglichen; sie sollen die Stadt fußläufig erleben können und gerne in der Stadt verweilen.

Gefühle lassen sich auch in virtuellen Räumen erleben. Die digitalen Tools der Virtual Reality bieten völlig neue Möglichkeiten des partizipativen Designs. Es können hybride Räume geschaffen und bespielt werden, mit temporärem Mobiliar, Spielmöglichkeiten, Hochbeeten, Licht- und Videoinstallationen. Es ist also umgekehrt auch möglich, den analogen Raum zu virtualisieren, um gemeinsam mit den Menschen neue Nutzungskonzepte zu erproben und dann in die Realität umzusetzen.

BVSC-Elderly couple dancing tango in the street in Buenos Aires © Annette Schindler

Elderly couple dancing tango in the street in Buenos Aires © Annette Schindler

Durch die Analyse von anonymisierten Bewegungsdaten und die Abfrage von Gemütszuständen mittels Smartphone-Apps kann anschließend ermittelt werden, ob eine Maßnahme erfolgreich implementiert wurde und Menschen sich zu einer bestimmten Zeit an einem bestimmten Aufenthaltsort wohler fühlen als bisher.

An diesem Punkt beginnen wir zu erkennen, was das “smart” in der Stadtentwicklung der Smart City bedeutet: nicht (nur) die digitale Spielwiese vieler Apps und Tüfteleien, sondern eine neue Art, uns die Geschichte unserer Stadt neu zu erzählen und Menschen aus 180 Nationen sich neu erzählen zu lassen. Plätze und Straßen, auf denen Menschen verweilen, weil sie sich wohlfühlen, weil sie dort soziale Kontakte knüpfen und pflegen können, sind die Immunzellen einer städtischen Gesellschaft. Hier erfahren Menschen, was wirklich zählt und das wird es ihnen leichter machen, die Zumutungen des 21. Jahrhunderts sowie die notwendigen Vorbeugemaßnahmen nicht nur zu ertragen, sondern unter diesen Bedingungen eine Zukunft für das Überleben ihrer Gemeinschaft zu gestalten.

 

Wenn Sie sich eingehender mit diesem Thema beschäftigen möchten, lesen Sie auch das aktuelle Interview mit unserem Mitglied Stefan Slembrouck in der F.A.Z. Digital.
Mit dem nächsten Email-Newsletter erhalten Sie in Kürze den 14-seitigen Fachartikel “Die Smart City und der Sinn des Lebens” von Wolfgang Bernecker und Stefan Slembrouck, in welchem erläutert wird, wie Smart Streetlighting einen wichtigen Beitrag dazu leisten kann, die Smart City für die Menschen sinnstiftend zu gestalten.

(1) An dem in 2019 gestartete Förderwettbewerb des BMI “Smart Cities made in Germany” haben bisher über 180 Städte und Regionen teilgenommen, über 40 haben ihn gewonnen und zwei weitere Wettbewerbsrunden sollen folgen. Der ursprüngliche Fonds von 750 Mio Euro wurde mit Hilfe des Corona-Stärkungspaktes mittlerweile um 500 Mio aufgestockt.
(2) https://www.un.org/development/desa/en/news/population/2018-revision-of-world-urbanization-prospects.html
(3) https://www.gerics.de/imperia/md/content/csc/gerics/summary_for_policy_makers_mf_3_online.pdf
(4) https://www.weforum.org/agenda/2020/03/how-should-cities-prepare-for-coronavirus-pandemics
(5) Die englische Version lautet: “If you have a good hometown, you have everything”. Aus: Superkilen, A Project by BIG, TOPOTEK1, SUPERFLEX, edited by Barbara Steiner, Arvinius + Orfeus 2013
(6) Superkilen, S. 75

Alle Blog-Beiträge unter AKTUELLES sowie Foren-Beiträge und Kommentare geben die persönliche Meinung des/der jeweiligen Autors/Autorin wieder und nicht zwangsläufig die des Bundesverband Smart City e.V. und/oder dessen Vorstands und/oder aller seiner Mitglieder.

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Über Mirko de Paoli

In über 25 Jahren als IT-Dienstleister habe ich mit meinem Unternehmen u.a. Infrastruktur-Projekte für mittelständische Unternehmen begleitet, Enterprise-Webseiten, Software für die Luftfahrtindustrie sowie Softwareprodukte für Krankenhäuser und Kommunikationsunternehmen entwickelt, IoT-Projekte geleitet und als Repräsentant verschiedene Institutionen in der Öffentlichkeit vertreten. Seit vielen Jahren engagiere ich mich privat und und als Unternehmer ehrenamtlich für diverse gemeinnützige NGOs, wodurch ich einen tiefen Einblick in deren Arbeitsweisen und Prozesse habe. Früh wurde mir bewusst, dass der Gesellschaft eine umfassende Transformation bevorsteht, die nicht alleine auf technischen Lösungen basieren kann, sondern maßgeblich die Zivilgesellschaft einbeziehen und sich an den wirklichen Bedürfnissen der Menschen orientieren muss. Seit 2016 bin ich als Mitglied des Bundesverband Smart City e.V. und seit Februar 2020 als dessen Vorstandsvorsitzender bestrebt, den technischen Fortschritt im Sinne einer menschengerechten, nachhaltigen und somit zukunftsfähigen Entwicklung mitzugestalten.

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